Das Multiple als Etikett, Friedrich Tietjen, 2002 (http://www.xcult.ch/texte/tietjen/multiple.html)
Edition, Distribution und Interaktion heute, Johannes Stahl
„Kunst für alle" forderten viele Künstler im Zuge der gesellschaftlichen Beben in den 1960ern. Hohe Auflagen von zeitgenössischen Druckgrafiken kursierten, Maler wie Warhol oder Rauschenberg wendeten den Siebdruck auch auf die Leinwand an; Robert Indianas Bild „Love" hing in vielen Jugendzimmern. Mehr lesen
Der Museumsshop – für die Kunst und in Konkurrenz zu ihr, Claudia Herstatt
Die Museen sind längst keine weltfremden Tempel mehr: Events aller Art vom Brunchbuffet bis zur Mitternachtsparty gehören zum Programm vieler Häuser. Knappe öffentliche Gelder und die damit zunehmende finanzielle Eigenverantwortung fordern Geschäftssinn –und dazu gehört natürlich auch das Shopping.
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Das Multiple als Etikett Von Friedrich Tietjen, 2002
„The Critic Smiles" nannte Jasper Johns das kleine Relief einer Zahnbürste aus Blei, Zinn und Gold, von dem er eine Auflage von 60 Exemplaren anfertigen liess. Die edition suhrkamp-Ausgabe der Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" diente Peter Zimmermann als Vorlage seines Siebdruckes Walter Benjamin. Beuys' „Schautafeln für den Unterricht" sind Photographien. Rob Scholte gab für Venice einem anderen Maler den Auftrag, eines seiner Bilder in 20 Exemplaren zu kopieren und signierte es auf der Rückseite. Für die Petits Monuments à Rotella montierte Mimmo Rotella jeweils eine Dose des gleichnamigen Dieselmotorenöls auf einen schlichten Holzsockel. Claes Oldenburgs Ausschneidebogen Air Flow erschien als Cover des Art News Magazins im Februar 1966. Neben George Brechts Water Yam liessen auch andere Fluxuskünstler wie Willem de Ridder, Robert Watts und Takehisa Kosugi kleine Kärtchen mit Handlungsanweisungen drucken, nach denen die Käufer selbst Ereignisse gestalten konnten. Tobias Stimm modellierte einen Kopf in zwölf voneinander verschiedenen Exemplaren aus Ton. Als Videoband erschien Sean Landers' Arbeit Italian High Renaissance and Baroque Art. Richard Hamilton liess ein Kunststoffgebiss an das Oberteil einer elektrischen Zahnbürste montieren: The Critic Laughs. Der Kunstkritik zufolge feiert das Multiple neuerdings ein triumphales Comeback, nachdem es die längste Zeit der siebziger und achtziger Jahre in tiefem Schlummer lag. Eindrucksvolle Ausstellungen, einige Zeitschriftenartikel, vor allem jedoch eine kaum zu übersehende Produktion und Präsenz von Multiples auf dem Kunstmarkt sind Anzeichen dieser Wiedergeburt, die keine Störung dadurch erfährt, dass niemand so recht zu beschreiben vermag, was da eigentlich auferstanden ist. Die Versuche, dem Multiple eine Definition zu erfinden, wirken angesichts des Sammelsuriums an Medien, Materialien und Produktionstechniken eigentümlich hilflos. Man liest: „Mit dem Ausdruck [Multiple] bezeichnete man ... eine kleine Skulptur, die in relativ großen Stückzahlen vertrieben wird."1; oder: „Multiples [sind] Gegenstände, die ein Künstler in mehreren gleichen Exemplaren anfertigt (Druckgrafiken und plastische Objekte verschiedenster Art)."2; oder: „Das Multiple als vervielfältigtes dreidimensionales Objekt zählt (...)
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