Im Namen der Kunst

02.04.2013
Bazon Brock für die Editionskassette „Im Namen der Kunst“ von Andreas Paeslack, 2005

Wer sich in die Kunst begibt, betritt einen Selbstbedienungsladen für Verhaltensweisen und Legitimationen. Aus den angebotenen Attetüdenpassepartouts des schöpferischen Genius, des Weltenstürzers, des lebensuntüchtigen Spätlings, des zur Verzweiflung und Ekel Verführten, des Gottsuchers oder begnadeten Propheten entleiht man, was die eigene Gestentheatralik am besten zur Geltung bringt.

Dieses Theater dient der Aufmerksamkeitserzwingung für das eigene Angebot auf Bewirtschaftung des Unvermögens; denn schließlich erreichten die Künste ihre Geltung durch das Produktivwerden von Gescheiterten, Verzagenden, Ungelernten, Abgesonderten und durch die Verehrung des Mülls, der Ruinen und der Fragmente. Zum Kunstmeister stieg auf, wer es wagen konnte, mit dem zu brillieren, was er nicht beherrschte, was ihm unlösbar problematisch erschien (nur die Anfänger demonstrieren stolz, was sie alles können). In historischer Hinsicht stellt diese Kunst der Ohnmacht und des Abfalls den Kontext, den Zusammenhang von Schöpfung und Zerstörung dar; gegenwärtig bietet sie den Rahmen für die „Operation Ewigkeit“, d.h. die Garantie der Dauer durch die Obhut für strahlenden Müll. In diesem Rahmen glänzt unsere Zukunft als Sicherungsdienst, das ist Gottesdienst in Endzeitlagern, das sind Kathedralen des Mülls.

In systematischer Hinsicht folgen wir dem Gebot der Mülltrennung als Propaganda für das Unterscheiden. An den Rampen des Selbstbedienungssystems Kunst wird nach folgenden Kriterien sortiert:

1.
Branding ist brandmarken – die Konkurrenz verfällt der Auslöschung von Gedächtnis. Diese Vermüllung neutralisiert bisherige Bedeutungen von Zeichen und Formen. Dieses Kunstverfahren würdigt für säkulären Totalitarismus, d.h. für demokratisch legitimierten Kapitalismus Don DeLillo in seinem Meisterwerk „Unterwelt“.

2.
Alle Möglichkeiten offen halten, möglichst nichts definitiv entscheiden, Chancen wahren, Leben, als hätte nichts unwiderrufbare Konsequenzen . Diesen Optionismus untersucht systematisch Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“.

3.
Virtualisierung der Realität, so daß alle Vertragsverhältnisse nach dem Muster der Kriegstrauung vollzogen werden können: Man vermählt sich mit Bildern, befriedigt sich mit Puppen, ernährt sich von Instant-Food. Kafka faßte seine Erzählungen aus der Strafkolonie bereits als Tourismus in Disney-Ländern, also im Selbstbefriedigungsladen Kunst, ab. (Achtung: In Effigie-Handlungen ermöglichten die Künstler schon, als das Portraitieren noch recht mühselig war.)

4.
Kunst als Bürge für ein Versprechen wie Schiller es beschrieb, Kunst als Geiselnahme in Stellvertretung. Spannende Frage: Wird sich infolge des Sponsorings (gleich Bürgschaft) Gott zurückmelden oder werden die Genien wiedererscheinen oder wird Apoll strahlen?

5.
Kunst in gutem Glauben, an den guten Namen, in schönen Rahmen stiften die Mäzene wie Ludwig II. Bayreuth stiftete.

6.
Im wohl verstandenen, in höherem Interesse gilt es, sich einer Mission zu opfern und durch das Opfer die eigene Künstlermission zu bestätigen.  Es ist nicht erstaunlich, weil durch den religiösen Fundamentalismus herausgefordert, wie häufig die Attitüde und das Legitimationssiegel imitation christi im Selbstbedienungsladen Kunst ausgeliehen werden. Denn die gemeine Logik legt nahe: weil die Ablehnung des Neuen üblich ist, kann man Ablehnung als Bestätigung der Hervorbringung von Neuem würdigen. Die poètes maudits, die ins Elend verdammten Künstler, nehmen seit Baudelaires Zeiten ihre Ausstoßung als Bestätigung für ihre eigene Größe.

7.
Kunst als Kritik an den Bedingungen ihrer Möglichkeiten – wie z.B. in „Doktor Faustus“ von Thomas Mann. Die Kritiker rächen sich nicht mehr als schlecht weg gekommene Künstler, sondern bemitleiden die Künstler als diejenigen, bei denen es vom Kopf her für grundlegende Kritik am Kunstgetue nicht reicht.

8.
Nichtsdestoweniger werden die Verhaltensrepertoires und Argumentationsarchetypen des Kunstdogmatismus nachgefragt. Hier macht Kunst Religion durch die unüberbietbare Logik des „credo quia absurdum – ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“; was sich stolz als kontrafaktisch darstellt, kann mit Hinweis auf Tatsachen nicht widerlegt werden. Je mehr das Kunstmaterial aus dem Müll kommt und die Form dem kehrenden Besen folgt, desto verehrenswerter die Reliquien des Unsinns, der Nichtigkeit, der Ohnmacht. Radikal zu scheitern, war für die Kunst immer schon einzige Form der dogmatisch behaupteten Vollendung. Dazu Thomas Bernhard in „Auslöschung. Ein Zerfall.“

9.
Schließlich sollte im Selbstbedienungsladen für Verhaltensweisen und Legitimationen hinreichend jene Eigentümlichkeiten wie Stil, Handschrift und Singularitätsanspruch geboten werden, damit es sich lohnt, Fälschungen zu begehen. Die Einzigartigkeit der Fälscher begründet nämlich erst Manierismus und Ästhetizismus. Erfolgreich lernt nur, wer zu fälschen versteht und das gelungene Fake als höhere Erkenntnisleistung einstuft als jedes Original. Im Selbstbedienungsladen Kunst brilliert schließlich nur diejenigen, die die Fälscherprüfung bei gutem Gewinn und guter Laune schon zigmal bestanden haben. Unüberbietbar ist Orson Welles’ neue Grundlegung des Kunstverständnisses in „Fake“ von 1965.

Summa:
Im Namen der Kunst heißt im Rahmen der Kunst ein Versammlungsangebot zu unterbreiten. Früher hieß das Versammlungsangebot Gesamtkunstwerk, in Zukunft wohl besser Kathedralen für den Müll.