Irene Andessner – „Am Schwebepunkt zwischen Portrait, Abstrait und Détrait“ Peter Sloterdijk in: Sphären – Mikrosphärologie, Band I, Suhrkamp Verlag, 1998, Seite 194 ff
Wo Francis Bacons schreiender Papst noch ein Gesicht in Explosion zeigt, erreichen Andy Warhols Selbstportraits den Zustand der Selbstlosigkeit im Selbstverkauf. Beide Werke haben noch einen Ort am Rand der expressiven Kunst, da nicht nur die Zerfleischung, sondern auch die Erstarrung des Gesichts dem Prinzip Ausdruck untersteht. Von diesem lösen sich neuere Verfahren der fazialen Ästhetik in der bildenden Kunst entschieden ab. Cindy Shermans Montage Untiteled, #314c hat das Gesicht aufgelöst in eine faltige Landschaft von bösen und eigensinnigen Gewebeteilen, mit einem Mund, dessen Labien ein obszönes Aufklappen zeigen. Hier ist von dem, was Benjamin den Sex-Appeal des Anorganischen genannt hat, nichts mehr zu spüren; das Fleisch ist zu einer Kunststoffkopie seiner selbst geworden. Es dürfte in der zeitgenössischen Kunst wenige Werke geben, die mit ähnlicher Gewalt die Wandlung des Portraits ins Détrait bezeugen.
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